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POLITIK

Wie wird man ein erfolgreicher Populist?

Warum schneiden Politiker, die einfache Antworten auf komplizierte Fragen geben, oft besser ab als jene, die konkrete Lösungen anbieten? Wie werden Angst, Wut, ein Gefühl der Ungerechtigkeit und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu politischer Unterstützung?

5. November 2026 · 9 Min. Lesezeit
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Politiker mit erhobenen Armen hinter einem Mikrofon Foto: Magnific

Psychologinnen und Politikwissenschaftler erforschen die Mechanismen des Populismus seit Jahrzehnten. Ihre Befunde zeigen: Der Erfolg populistischer Politiker ist nicht immer eine Frage des guten Programms, sondern der Fähigkeit, menschliche Emotionen zu erkennen und zu nutzen. Stellen wir uns einen Politiker vor, der eine Wahl gewinnen will. Sein Programm ist nicht besonders gut, er kennt die Details der Wirtschaft nicht, weiß nicht, wie die Wohnungskrise zu lösen ist, und hat keine überzeugende Antwort darauf, wie Gesundheit oder Bildung finanziert werden sollen. Eines aber kennt er gut: die menschliche Psyche.

Er weiß, dass Menschen sich um die Zukunft sorgen, dass viele sich ungerecht behandelt fühlen, Angst vor Veränderung haben und Institutionen immer weniger vertrauen. Statt komplizierter Lösungen bietet er ihnen etwas viel Einfacheres: eine Erklärung, wer schuld ist, das Versprechen, dass alles wieder gut wird, und die Überzeugung, dass nur er den Mut hat, etwas zu ändern.

Ein solcher Politiker muss nicht unbedingt die Unwahrheit sagen. Es reicht, die Wirklichkeit selektiv darzustellen, die Ursachen von Problemen zu vereinfachen und einen Gegner zu finden, dem er die Verantwortung zuschreibt. Gelingt ihm das, kann er eine außergewöhnlich starke politische Unterstützung aufbauen.

Der niederländische Politikwissenschaftler Cas Mudde, einer der bekanntesten Populismusforscher, beschreibt Populismus als Ideologie, die die Gesellschaft in zwei gegensätzliche Gruppen teilt: das ehrliche Volk und die korrupte Elite. Der Populist behauptet dabei, gerade er verkörpere den wahren Willen des Volkes. Diese Spaltung kann sowohl rechts als auch links auftreten. Doch wie wird ein solcher Ansatz erfolgreich? Die Forschung lässt einige typische Methoden erkennen.

Einen Schuldigen zu finden ist leichter als eine Lösung

Ein Kennzeichen populistischer Politik ist die Vereinfachung komplexer gesellschaftlicher Probleme. Wenn Wohnungspreise steigen, Löhne mit der Inflation nicht mithalten oder das Gesundheitssystem nicht gut genug funktioniert, sind die Gründe meist vielfältig und miteinander verknüpft. Populistische Rhetorik bietet dagegen oft eine einzige Erklärung und einen Hauptschuldigen an. Das können politische Eliten sein, internationale Institutionen, Großkonzerne, Zugewanderte oder eine andere Gruppe.

Die psychologische Anziehungskraft solcher Erklärungen ergibt sich aus dem Bedürfnis der Menschen, die Welt um sich herum zu verstehen. Unsicherheit ist unangenehm, und eine einfache Erklärung kann ein Gefühl von Kontrolle erzeugen, selbst wenn sie nicht stimmt. Bemerkenswert ist, dass für die Überzeugungskraft einer solchen Botschaft nicht immer ein ursächlicher Zusammenhang nachgewiesen werden muss. Wer mit dem politischen System ohnehin unzufrieden ist, empfindet eine Botschaft, die diese Unzufriedenheit bestätigt, oft als überzeugender als eine detaillierte Analyse, die zusätzliches Nachdenken verlangt. So entsteht eine politische Erzählung, in der fast jedes Problem denselben Schuldigen hat und fast jede Lösung mit dessen Absetzung oder Niederlage beginnt.

Angst und Wut als politischer Treibstoff

Psychologische Studien zeigen, dass Emotionen bei politischen Entscheidungen eine wichtige Rolle spielen. Besonders bedeutsam sind negative Emotionen, allen voran Wut, Angst, Verbitterung und das Gefühl des Verlusts. In einer im März 2026 veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeit analysierte ein Team um die Psychologin Ana-Maria Bliuc 51 begutachtete Studien zu Emotionen und populistischer Politik. Ergebnis: Wut hängt am beständigsten mit populistischen Einstellungen zusammen, eine wichtige Rolle spielen aber auch Angst, Verbitterung und Nostalgie.

Besonders interessant ist der Unterschied zwischen Wut und Angst. Angst kann das Gefühl der Bedrohung verstärken, Wut weckt dagegen oft das Bedürfnis, jemanden zur Verantwortung zu ziehen. In der politischen Kommunikation können beide zusammenwirken: Die Gesellschaft wird als bedroht dargestellt, eine bestimmte Gruppe als verantwortlich für die Gefahr.

Doch nicht jede Angst ist politisch manipuliert. Menschen können völlig berechtigte Sorgen um Sicherheit, Arbeit oder gesellschaftlichen Wandel haben. Manipulation beginnt dort, wo reale Sorgen systematisch übertrieben, Ursachen bewusst verzerrt oder Verantwortung kollektiv Menschen zugeschrieben wird, die mit dem Problem nichts zu tun haben. In einem solchen Klima geht es in der politischen Debatte nicht mehr um die beste Lösung, sondern um die Abwehr einer vermeintlichen Gefahr.

Die Teilung in „wir“ und „die“

Der Mensch hat ein starkes psychologisches Bedürfnis, einer Gruppe anzugehören. Familie, Gemeinschaft, Nation, Religion, Beruf und politische Überzeugungen können wichtige Teile der persönlichen Identität sein. Populismus gewinnt oft gerade dann an Kraft, wenn aus einer politischen Haltung ein Gefühl der Gruppenzugehörigkeit wird. Die Psychologinnen und Psychologen Sandra Obradović, Séamus A. Power und Jennifer Sheehy-Skeffington erklären in ihrer Arbeit „Understanding the Psychological Appeal of Populism“, dass populistische Bewegungen auf menschliche Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, sozialem Status und Anerkennung antworten können. Besonders betonen sie die Bedeutung relativer Benachteiligung – des Gefühls, dass andere mehr bekommen, dass die eigene Gruppe vernachlässigt wird oder ihr ein verdienter Platz verwehrt bleibt.

Das heißt nicht, dass Anhängerinnen und Anhänger populistischer Parteien zwangsläufig ärmer, weniger gebildet oder weniger intelligent sind. Das Gefühl der Ungerechtigkeit muss nicht der objektiven materiellen Lage entsprechen. Auch wirtschaftlich gut gestellte Menschen können das Gefühl haben, dass ihre gesellschaftliche Gruppe an Einfluss, Respekt oder kultureller Bedeutung verliert. Verknüpft eine politische Botschaft dieses Gefühl mit einer kollektiven Identität, ist der politische Gegner nicht mehr bloß jemand mit einem anderen Vorschlag. Er wird zum Vertreter von „denen“, einer Gruppe, die angeblich „uns“ bedroht. Genau hier liegt eine der größten Gefahren des Populismus: Kritik an einer bestimmten Politik kann in Feindseligkeit gegenüber ganzen Gruppen von Menschen umschlagen.

Wiederholung: Wenn eine bekannte Behauptung wie Wahrheit klingt

Eines der interessantesten Phänomene der Psychologie heißt Wahrheitseffekt (illusory truth effect). Gemeint ist die Neigung, Behauptungen, die man schon einmal gehört hat, für glaubwürdiger zu halten als solche, denen man zum ersten Mal begegnet. Die Psychologin Lisa Fazio und ihr Team zeigten 2015, dass Wiederholung selbst falsche Behauptungen überzeugender machen kann und dass Vorwissen nicht immer ausreichend vor diesem Effekt schützt.

In der politischen Kommunikation hat das besonderes Gewicht. Taucht eine Behauptung täglich in Reden, Fernsehsendungen, Schlagzeilen und Social-Media-Beiträgen auf, wird sie den Menschen nach und nach vertraut. Selbst wenn sie sie nicht sofort übernehmen, kann sie Teil ihrer gewohnten Denkweise über ein Thema werden. Natürlich garantiert Wiederholung nicht, dass Menschen Unwahrheiten glauben. Die Wirkung hängt von bestehenden Überzeugungen, den Umständen und der Art der Darstellung ab. Dennoch zeigt der Effekt, warum in der öffentlichen Debatte nicht nur zählt, was gesagt wird, sondern auch, wie oft eine Botschaft wiederholt wird.

Soziale Medien: Ideales Umfeld für politische Emotionen

Früher waren Politiker vor allem auf Fernsehen, Radio und Zeitungen angewiesen. Heute können sie direkt mit Millionen von Menschen kommunizieren – ohne journalistische Nachfragen oder redaktionelle Prüfung jeder Behauptung. Soziale Medien haben die Verbreitung politischer Botschaften zusätzlich verändert. Inhalte, die starke Reaktionen auslösen, ziehen oft Kommentare, Shares und Diskussionen an. Ein solches Umfeld kann konfliktorientierte politische Kommunikation begünstigen.

Eine 2018 veröffentlichte Studie von Dominique S. Wirz untersuchte experimentell die emotionale Wirkung populistischer Botschaften an 580 Teilnehmenden. Populistische Botschaften lösten stärkere Emotionen aus als nicht-populistische, und diese Emotionen trugen zu ihrer Überzeugungskraft bei. Das erklärt ein Paradox heutiger Politik: Eine politische Aussage muss nicht konstruktiv sein, um kommunikativ erfolgreich zu sein. Manchmal sorgt gerade die Kontroverse dafür, dass eine Botschaft enorm viele Menschen erreicht.

In einem solchen System können auch die Gegner eines Politikers unbeabsichtigt zu seiner Sichtbarkeit beitragen. Jeder neue Skandal schafft Raum für weitere Interviews, TV-Debatten, Reaktionen und Postings. Große Sichtbarkeit bedeutet allerdings nicht automatisch mehr Stimmen. Was soziale Medien besonders effizient erzeugen, ist Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit wird nur unter bestimmten Umständen zu politischem Erfolg.

Nostalgie: Das Versprechen einer Rückkehr in bessere Zeiten

Ein weiteres häufiges Motiv populistischer Politik ist eine idealisierte Vergangenheit. In solchen Erzählungen war die Gesellschaft früher sicherer, reicher, geordneter oder gerechter, während die Gegenwart als Zeit des Niedergangs erscheint.

Psychologisch betrachtet ist Nostalgie nichts Ungewöhnliches. Menschen erinnern sich gern an vertraute Zeiten, besonders in Phasen großer gesellschaftlicher Umbrüche. Erinnerungen sind jedoch nicht immer ein objektives Abbild der tatsächlichen Verhältnisse. Politische Nostalgie kann zugleich ein Verlustgefühl und die Hoffnung wecken, das Verlorene zurückzugewinnen. So wird eine sehr komplexe künftige Politik mit einem emotional anziehenden Bild der Vergangenheit verknüpft.

Problematisch wird es, wenn die Vergangenheit als für alle gute Zeit dargestellt wird. Was für eine Gruppe Stabilität bedeutete, war für eine andere vielleicht Diskriminierung, Armut oder fehlende politische Rechte. Studien zu Emotionen in populistischer Kommunikation bestätigen, dass Nostalgie neben Wut und Angst in manchen populistischen Erzählungen einen wichtigen Platz einnimmt.

Wenn ein Politiker zum einzigen Vertreter des Volkes wird

Der deutsche Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller hebt in seinem Buch „Was ist Populismus?“ ein Merkmal besonders hervor: die Ablehnung des politischen Pluralismus. Laut Müller ist nicht jeder ein Populist, der politische Eliten kritisiert, Veränderungen fordert oder im Namen der Bürgerinnen und Bürger spricht. Das Kernproblem beginnt, wenn ein Politiker behauptet, nur er und seine Anhänger verkörperten das wahre Volk, während alle anderen ihre politische Legitimität verlieren.

Ein solches Politikverständnis hat ernste Folgen. In einer demokratischen Gesellschaft haben Menschen das Recht auf unterschiedliche Interessen, Werte und politische Haltungen. Ein Wahlsieg gibt das Recht zu regieren, aber kein Monopol darauf, die ganze Gesellschaft zu vertreten. In der populistischen Erzählung verschwindet dieser Unterschied oft. Kritische Medien werden als Volksfeinde dargestellt, die Opposition als Hindernis für das nationale Interesse und unabhängige Institutionen als Werkzeuge verborgener Machtzentren.

Müller warnt, dass Populisten sich auch nach ihrem Machtantritt weiter als Opfer feindlicher Kräfte inszenieren können. In seiner Analyse des Populismus an der Macht beschreibt er zudem die Gefahren von politischem Klientelismus, der Vereinnahmung staatlicher Institutionen und von Druck auf Zivilgesellschaft und Medien.

Warum glauben auch gebildete Menschen Populisten?

Einer der häufigsten Fehler in Debatten über Populismus ist die Annahme, seine Anhänger seien einfach ungebildet oder nicht intelligent genug. Diese Erklärung ist nicht nur beleidigend, sondern auch wissenschaftlich unzureichend. Politische Überzeugungen entstehen unter dem Einfluss vieler Faktoren – persönlicher Erfahrungen, des familiären Umfelds, wirtschaftlicher Umstände, sozialer Identität und des Vertrauens in Institutionen.

Ein Mensch kann hochgebildet und zugleich zutiefst misstrauisch gegenüber dem politischen System sein. Er kann sich in Wirtschaft auskennen und trotzdem meinen, dass traditionelle Parteien den Bezug zu den Alltagsproblemen verloren haben. Er kann einen populistischen Politiker unterstützen, weil er einem Teil seines Programms zustimmt – nicht, weil er alle seine Aussagen teilt.

Wichtig ist auch: Populismus entsteht nicht immer aus erfundenen Problemen. Wirtschaftliche Ungleichheit, Korruption, vernachlässigte Regionen und fehlende politische Repräsentation können ganz real sein. Populismus wird oft gerade dort attraktiv, wo Menschen das Gefühl haben, dass traditionelle Institutionen ihnen nicht zuhören. Deshalb kann der Kampf gegen Populismus nicht erfolgreich sein, wenn er sich darauf beschränkt, dessen Anhänger lächerlich zu machen. Das kann das Gefühl gesellschaftlicher Ausgrenzung noch vertiefen.

Kann Populismus der Demokratie nützen?

Obwohl Populismus meist mit politischer Manipulation und autoritären Tendenzen in Verbindung gebracht wird, betonen Forschende, dass der Begriff nicht eindeutig ist.

Populistische Bewegungen greifen manchmal Themen auf, die etablierte Parteien vernachlässigen, mobilisieren Menschen, die zuvor nicht am politischen Leben teilgenommen haben, und stellen echten Machtmissbrauch infrage. Politiker, die mehr soziale Gerechtigkeit fordern, korrupte Eliten kritisieren oder stärkere Bürgerbeteiligung verlangen, sind deshalb noch keine Gefahr für die Demokratie. Der entscheidende Unterschied zeigt sich im Umgang mit Andersdenkenden und Institutionen. Demokratische Kritik an der Macht erkennt das Recht anderer an, anders zu denken. Antipluralistischer Populismus stellt dieses Recht infrage.

Deshalb reicht es nicht zu fragen, wie beliebt ein Politiker ist, wie emotional er spricht oder wie scharf er politische Gegner angreift. Entscheidend ist, ob er die Unabhängigkeit der Justiz, die Freiheit der Medien, die Rechte von Minderheiten und die Legitimität einer Wahlniederlage akzeptiert.

Das größte Paradox des Populismus

Am Ende kehren wir zu dem erdachten Politiker vom Anfang unserer Geschichte zurück. Er hat versprochen, die Probleme zu beseitigen, die korrupten Eliten zu besiegen und den Bürgern die Macht zurückzugeben. Was passiert, wenn er tatsächlich gewinnt? Die Verantwortung für Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und öffentliche Institutionen liegt nun bei ihm. Probleme, die vorher einfach wirkten, verlangen plötzlich komplizierte Entscheidungen, Verhandlungen, Kompromisse und langfristige Arbeit.

Das ist vielleicht das größte Paradox populistischer Politik.

Es ist viel leichter zu erklären, warum andere schuld sind, als zu beweisen, dass die eigenen Lösungen funktionieren.

Manche populistischen Politiker passen sich den Institutionen an und akzeptieren politische Kompromisse. Andere setzen dieselbe Rhetorik fort, suchen sich neue Gegner und inszenieren sich als Kämpfer gegen das System – obwohl sie selbst zu dessen mächtigstem Teil geworden sind.

Die letzte Verantwortung für die Qualität der Demokratie tragen jedoch nicht nur Politikerinnen und Politiker. Sie liegt auch bei Medien, Institutionen und den Bürgerinnen und Bürgern.

Demokratie verlangt nicht, dass alle gleich denken. Im Gegenteil: Ihr Wert liegt gerade in der Möglichkeit, uneinig zu sein, zu streiten und Regierungen abzuwählen, ohne politische Gegner zu Feinden zu erklären.

Ein erfolgreicher Populist kann Wahlen gewinnen, indem er den Menschen eine einfache Antwort auf eine schwierige Frage gibt. Eine erfolgreiche Demokratie hängt aber davon ab, ob die Bürgerinnen und Bürger auch nach der Wahl weiter schwierige Fragen stellen.

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