“Perspektive bringt Sicherheit”

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Tanja Wehsely, stv. Klubvorsitzende des SPÖ Rathausklubs, im Gespräch mit Dino Šoše über die Radikalisierung von Wiener Jugendlichen.

Die Studie zur Radikalisierung von Wiener Jugendlichen wurde veröffentlicht. Was kann man gegen die Radikalisierung von Jugendlichen tun? Wie kann man auch Homophobie oder Antisemitismus bei jungen Menschen entgegenwirken?
WEHSELY: Diese Studie heißt „Jugendliche in der offenen Jugendarbeit – Identitäten, Lebenslagen und abwertende Einstellungen“. Es ist keine Jugendstudie der Jugendlichen in Wien, sondern eine Studie zu BesucherInnen der offenen Jugendarbeitseinrichtungen der Stadt Wien, wie zum Beispiel auch der Jugendzentren. Es war wichtig herauszufinden, wie Jugendliche ihre Identität bilden und wie sich die Hasskultur und polarisierte Weltlage auf die Jugendlichen auswirkt. Es gibt immer schärfere Identitäten und immer schärfere Abgrenzungen. Die Studie war ein Ausgangspunkt dafür, dass wir 2014 das „Netzwerk zur Deradikalisierung und Prävention“ eingerichtet haben. Damit schaffen wir ein kommunales Netzwerk, das alle Menschen in unserer Stadt mit dem Thema Extremismus konfrontieren und schulen wird. Damit stellen wir uns auf ein Phänomen ein, welches uns bis zum Ende des Krieges in Syrien begleiten wird.

Mit den Ergebnissen der Studie haben wir teilweise auch gerechnet. Jeder, der mit Jugendlichen zu tun hat weiß, dass sie schnell beleidigt sind. Gleichzeitig sind Abgrenzung  und Identitätsfindung wichtig. Zusätzlich zum Regelprogramm, das Beziehungsaufbau, Vertrauen, Selbstwert stärken bedeutet, haben wir auch verstärkt mit den Jugendlichen erarbeitet, wie sie sich hier zuhause fühlen können und was ihr Beitrag in der Gesellschaft sein kann. Wir müssen Jugendlichen sagen, dass sie ÖsterreicherInnen sind. Sie sollen dabei unterstützt werden, ihr Recht als ÖsterreicherInnen wahrzunehmen auch damit Fortschritte zu machen. Nur so können sie sich emanzipieren. Es spricht nichts gegen Herkunft oder das Aufrechterhalten einer Kultur, aber es spricht auch nichts dagegen, sich von der Familie zu emanzipieren und manches gut zu finden und manches schlecht zu finden, was das eigene engere Umfeld meint. Es ist wichtig die Jugendlichen hierbei zu unterstützen. Das ist in konservativen, patriarchalen Familien oft sehr schwierig. Auch dafür ist die Jugendarbeit zuständig. Die Emanzipation der Jugendlichen zu unterstützen. Das bedeutet auch über schwierige Themen wie Homophobie und Antisemitismus Themen zu reden und über die eigene Erfahrung von Abwertung und Diskriminierung ein Verständnis zu bekommen, wieso man selber nicht diskriminieren und abwerten soll und darf. In der Jugendarbeit müssen wir erfahrbar machen, was es heißt, zu einer Gruppe zu gehören, aber auch, was es heißt, abgewertet zu werden.

Hat die Stadt Wien dafür bereits konkrete Maßnahmen vorbereitet oder wird einfach so weitergearbeitet mit mehr Konzentration auf bestimmte Communities?
WEHSELY: Die Konzentration und die Maßnahmen der Stadt Wien sind, ein sehr großes Netz an Jugendarbeit zu finanzieren und zu betreuen. Mit permanenter Qualitätskontrolle, Entwicklung und Zielausrichtung. Es wird Jahr für Jahr angepasst an die Gegebenheiten. Das ist ein permanenter Prozess. Die Jugendarbeit beschäftigt sich mit den aktuellen Problemen und Wünschen der Wiener Jugendlichen, die in unsere Einrichtungen kommen. Im Moment ist das zum Beispiel die Diskussion über Identitäten, Abwertungen, Radikalisierung, den IS, die Abwertung von Muslimen, was ist der wahre Islam und was nicht. Das alles wird offen diskutiert, weil das die Jugendlichen wollen, weil es sie interessiert, weil sie das Bedürfnis haben, zu philosophieren, sich auszutauschen, zu lernen und dabei zu wachsen. Die konkrete Maßnahme der Stadt Wien war auch mit offenen Augen dieses Netzwerk zur Deradikalisierung und Prävention zu installieren mit einem Gemeinderatsbeschluss. Ich kenne nicht so viele kommunale Strategien in europäischen Städten, die mehr sind als eine Maßnahme. Wir haben die Extremismushotline unterstützt und auch fortan gefordert, waren aber immer der Meinung, eine Hotline reicht nicht aus, um über Demokratie, Deradikalisierung und Prävention zu sprechen. Es muss ein breit getragener Prozess sein, der sagt, wir wollen unsere Wiener Jugendlichen vor Extremisten schützen, egal wo woher sie sind und wie lange sie schon da sind. Aber getragen von einer Haltung die sagt, Jugendliche sind noch offen und bereit zu lernen. Man muss eine Beziehung zu ihnen aufbauen und ihnen sagen, wie wichtig sie für die Stadt sind. Wir wollen niemanden verlieren und wir wollen niemanden gehen lassen. Im Gegenteil. Wien profitiert von den unterschiedlichen Zugängen. Der Wiener Qualifikationsplan und die Ausbildungsgarantie helfen dabei den Jugendlichen eine solide Ausbildung zu ermöglichen – mit Erfolg. Wir haben in dem Bereich der jungen WienerInnen bis 18 Jahren ein Sinken der Arbeitslosigkeit erreicht. Und das bei einer insgesamt steigenden Arbeitslosigkeit. Wir haben uns darauf verständigt, dass die Jugendlichen in unserer Stadt eine Zukunft und eine Perspektive haben sollen. Und die ist auf jeden Fall bis zur Volljährigkeit in einer Schule oder einer Ausbildung zu sehen. Weil immer klar war, dass eine Perspektive Sicherheit bringt. Perspektive und Anerkennung bringen auch Ruhe und Selbstwert mit sich. Also Schutzmechanismen gegen Anfälligkeit von Extremismus und Radikalisierung.

Also fördert die Ausgrenzung Extremismus und die Radikalisierung?
WESHELY: Eindeutig! Alles, was die Menschen verletzt führt dazu. Deswegen betone ich: die Jugendlichen sind in einer speziellen Phase, wo man Orientierung und Identität sucht. Wenn wir zu jedem, der mit einer dummen Aussage in die Jugendzentren kommt, sagen würden, jetzt gehst aber gleich wieder, wäre das fatal. Wir haben Regeln und Hausordnungen und die Jugendlichen können nicht auf Dauer in eine Jugendeinrichtung kommen, wenn sie sexistisch oder rassistisch agieren.

Die meisten Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommen, nehme ich an, aus einer eher konservativen Familie.
WEHSELY: Das ist unterschiedlich.

Ich glaube, dass viele Familien mit Migrationshintergrund nationalistisch sind und teilweise auch rassistisch oder homophob und die Kinder bekommen das zuhause mit. Auf der anderen Seite  sehen die Kinder dann Plakate wie „Daham statt Islam“, die ihnen klar sagen „Hey, du gehörst hier nicht her, obwohl du hier geboren wurdest“. Und dadurch entstehen Identitätskrisen und dadurch sind sie anfälliger für Hass und Extremismus.
WEHSELY: Das ist definitiv eine von mehreren richtigen Thesen.

Das heißt ihr steht da dazwischen?
WEHSELY: Ja. Die Jugendarbeiter sind Übersetzer und Vermittler. Unser Auftrag der Stadt Wien ist es, Jugendlichen eine Lobby zu sein und sie zu unterstützen. Wir anerkennen in welcher Phase sie sind, und anerkennen sie als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Wir unterstützen Jugendliche, um sie so zu kritischen und mündigen aber auch loyalen und positiven BürgerInnen zu machen.

Was sagen Sie dazu, dass die ÖVP Multikulti als gescheitert betrachtet oder Werteformeln an Schulen verlangt und die FPÖ logischerweise weiterhetzt. Ich habe den Eindruck, dass die Studie zum Großteil auch dazu dient, die Hetze gegen Betroffene zu verstärken.
WEHSELY: Ich hoffe nicht. Wir denken liberal, aufgeschlossenen, humanistisch und weltoffen. Es wäre falsch, sich dabei von Hetzern in unserer Arbeit behindern zu lassen. Natürlich war mir klar, dass diese Studie auch missbraucht werden kann. Natürlich habe ich die stereotype Antwort der FPÖ im Vorhinein gewusst. Natürlich habe ich auch mit derartigen populistischen Tönen der Wiener ÖVP gerechnet. Ich muss mit den Jugendlichen in unseren Jugendeinrichtungen offen reden können und ich muss und möchte ihnen sagen, dass sie nun in einer humanistischen, demokratischen und offenen Gesellschaft leben. Werte finde ich gut, nur auf Werte muss man sich einigen. Wenn die Werte Menschenrechte, Gleichberechtigung und Humanismus sind, bin ich dabei. Leider weiß man halt oft nicht, was ÖVP und FPÖ unter „unseren Werten“ verstehen. Wenn es ein Bekenntnis zu einem demokratischen Österreich mit einer Verfassung ist, dann ja. Nur, das ist auch nichts, was FPÖ und ÖVP erfunden haben. In jeder Schulung und Maßnahme der Stadt Wien geht es immer um Demokratie und den Platz in der Gesellschaft.

Was können die Communities selbst und auch die Migrantenmedien dazu beitragen, dass die Ergebnisse der nächsten Studie weniger erschreckend sind?
WEHSELY: Wir können mit vielen an einen gemeinsamen Strang ziehen. Wir müssen gemeinsam gegen Islamisten und Extremisten auftreten. Islamisten sind nicht mit Muslimen gleichzusetzen! Es spricht nichts gegen Religion, aber man muss sehen, dass Religion auch missbraucht wird, um zu verhetzen. Dagegen muss man sich wehren, als Community, als Staat.

Die Frage ist aber, wie offen sind die Communities für eine Zusammenarbeit?
WEHSELY: Das ist unterschiedlich. Wir haben durchaus auch positive Zusammenarbeit mit Leuten die aufklären wollen, die sich als Partner sehen. Engagement kann es nie genug geben. Emanzipation aber betreibt man selber. Die kann man nicht verordnen. Wir sind daran interessiert jedem und jeder zu helfen, selbstständig zu werden und sich zu integrieren. Den Willen dazu kann man aber nicht erzwingen.

 

Foto: Michael Mazohl/Bum Media

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