“Dialog mit Jugendlichen ist essentiell”

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Sophie Karmasin, Bundesministerin für Familie und Jugend, im Gespräch mit Dino Šoše über Extremismus, die Rollen von Gesellschaft und Familie und Maßnahmen zur Prävention von Radikalisierung.

Warum ist Extremismus gerade für Jugendliche so verführerisch? Wie und wo erreichen die Extremisten Jugendliche? KARMASIN: Extremismus ist gerade für Jugendliche ein Gefahrenthema, weil sie sich in einer Phase der Identitätsfindung befinden. In Situationen die von Unsicherheit geprägt sind oder wenn man als Jugendlicher nicht das Gefühl hat, dass man gut aufgehoben ist, dass man Anschluss findet, dass man akzeptiert wird und Erfolg hat, dann ist man möglicherweise anfällig für extremistische Tendenzen. Die Antworten von extremistischen Gruppierungen, vor allem im religiösen oder extrem politischen Bereich, sind sehr einfach und identitätsstiftend. Wir beschäftigen uns stark mit den gefährlichen Tendenzen von Extremismus, also wenn Gewalt im Spiel ist.

Woran erkennt man die Radikalisierung? KARMASIN: Erste Anzeichen und auffällige Situationen sind, wenn sich Alltagsgewohnheiten ändern, Jugendliche sich abschotten, der Freundeskreis ein anderer wird oder junge Menschen ganz andere Verhaltensweisen an den Tag legen plötzlich zu einer anderen Religion konvertieren oder die Eltern und das bisherige Umfeld ablehnen.

Was soll man tun, wenn das eigene Kind radikal wird, sich von den Freunden abschottet und nicht mehr in die Schule gehen möchte? KARMASIN: Wichtig ist, mit dem Jugendlichen immer im Austausch zu bleiben, was als Elternteil zugegebenermaßen nicht immer leicht ist, wenn eben genau solche Tendenzen vorherrschen. Wenn das nicht mehr oder nur sehr schwierig gelingt, ist unsere Beratungsstelle Extremismus eine wichtige Anlaufstelle, nebst allen anderen Familienberatungsstellen, die immer bei Erziehungsfragen zur Verfügung stehen.

Wodurch wird die Radikalisierung von Jugendlichen gefördert? KARMASIN: Krisen im engeren oder weiteren Sinn, seien es Partnerschaftskrisen, abgelehnte Jobangebote oder schulische Misserfolge, können junge Menschen in eine unsichere Situation führen. Durch die Angebote extremistischer Organisationen finden diese Jugendlichen manchmal Halt und Orientierung.

Welche Maßnahmen bräuchte es zur Prävention? Was könnte die österreichische Gesellschaft dazu beitragen? KARMASIN: Beratungsangebote sind sicher sehr sinnvoll, das sehen wir auch am Zuspruch den die Beratungsstelle Extremismus erfährt. In den letzten zwei Jahren hatten 1200 Anrufe. Das ist relativ viel, nicht alle Anrufe zeigten Fälle von Extremismus aber viele fragten nach Informationen, Workshops und Präventionsangeboten. Prävention ist in allen Variationen hilfreich, insbesondere die Sensibilisierung der Sozialarbeiter, Jugendarbeiter, Lehrer, Kindergartenpädagoginnen und Familienberatungsstellen für das Thema Extremismus. Sobald man hier beunruhigende Tendenzen sieht, sollte sofort professionell eingeschritten werden. Außerdem ist die Ausbildungspflicht bis 18 ein wichtiges Instrument, um etwaigen extremistischen Tendenzen entgegenzusteuern.

Warum gibt es in Österreich (noch) keine Aussteigerprogramme? KARMASIN: Für solche Fälle ist die Beratungsstelle Extremismus auch Ansprechpartner, nur eben nicht unter dem Namen „Aussteigerprogramm“. Mit mobilen Beratungsteams wird Jugendlichen geholfen, wieder in einen geregelten Alltag zu finden.

Die Beratungsstelle Extremismus richtet sich in erster Linie an Angehörige, aber wie kann man radikalisierte Menschen erreichen? KARMASIN: Wenn ein junger Mensch radikalisiert wurde, ist er nicht isoliert, er ist ja irgendwo vernetzt und meistens erkennt das Umfeld Veränderungen besser als der Einzelne, der Betroffene sieht sich ja in einer positiven Strömung. Die Angehörigen oder Freunde sollen sich melden und sie bekommen dann die Beratung.

Wie wichtig ist die Familie bei der Deradikalisierung? KARMASIN: Sehr wichtig. Wenn die Familie keinen Kontakt mehr hat zu den Jugendlichen und kein Gespräch mehr stattfindet, dann wird es für die Familie sehr schwer einzugreifen. Es ist die erste Intervention, wenn sich eine Familie bei uns meldet. Es ist essentiell, dass man wieder einen Dialog mit dem Jugendlichen aufbaut.

Kommen wir zum Thema Kinder und Familie: Wie familienfreundlich ist Österreich überhaupt? KARMASIN: Wir wollen noch familienfreundlicher werden. Als mein Ministerium vor knapp 3 Jahren gegründet wurde , haben 31% der Bevölkerung gesagt, Österreich ist ein familienfreundliches Land. In Dänemark waren es 91%. Wir wollen das familienfreundlichste Land werden und haben dafür verschiedene Maßnahmen gestartet, wie zum Beispiel die Erhöhung der Familienbeihilfe oder die antragslose Auszahlung der Familienbeihilfe, sodass neugeborene Kinder ab 1. Mai des Vorjahres innerhalb von einer Woche das Geld am Konto haben ohne Antrag. Wichtig ist auch die Kinderbetreuung, hier investieren wir rund 305 Millionen Euro in den flächendeckenden Ausbau. Das letzte verpflichtende Kindergartenjahr wurde auch von uns finanziert und jetzt das neue Kindergeldkonto, wo die Pauschalvarianten noch flexibler, noch individueller, mit mehr Väterbeteiligung gestaltet werden können. Da haben wir schon einige Schritte unternommen mit dem Ergebnis, dass letztes Jahr bereits die Bevölkerung zu 63% sagt, Österreich ist familienfreundlich.

Was könnte man bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch besser machen? KARMASIN: Bei diesem großen Thema brauchen wir die Unternehmen ganz stark. Familienfreundlichkeit in Unternehmen kann man schwer verordnen. Unternehmen müssen sie selbst anbieten, denn sie haben damit auch Vorteile: weniger Krankenstände, weniger Kündigungen, längere Verweildauer im Unternehmen. Familienfreundlichkeit rechnet sich für Unternehmen. In unserem Netzwerk „Unternehmen für Familien“ laden wir Unternehmen ein, familienfreundliche Maßnahmen zu präsentieren und umzusetzen. Das sind zum Beispiel Betriebskindergärten, flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, da gibt es tausende Varianten. Wir stellen die familienfreundlichen Arbeitsweisen auf unserer Homepage dar und zeigen, dass das eigentlich sehr einfach ist. Das läuft gut, wir haben schon 300 Unternehmen im Netzwerk, 500.000 MitarbeiterInnen sind da bereits umfasst und das wollen wir noch weiter verstärken. Jedes Unternehmen kann hier noch weitere Maßnahmen setzen.

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