“Bildung ist für mich Integrationsfaktor Nummer 1!”

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VHS Geschäftsführer Herbert Schweiger im Gespräch mit BUM-Herausgeber Dino Schosche über Wertekurse und Kopftuchverbot. Welchen Beitrag können Bildungsinstitutionen leisten, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und was kann man sich unter hybrider Bildung vorstellen? 

Gleich am Anfang eine Frage zum wichtigsten Thema des Landes: Dürfen Lehrerinnen und Lehrer in der VHS Kopftücher tragen?

Ja, bei uns dürfen alle Kopftuch tragen. Diese angebliche Wichtigkeit hat dabei noch nicht an unsere Tür geklopft.

Inwiefern soll Religion in der Schule bzw. in der Ausbildung eine Rolle spielen?

Religion ist eine Privatangelegenheit. In der Schule gibt es sehr wohl einen Religionsunterricht, aber nicht verpflichtend. Prinzipiell glaube ich, dass es klüger ist, in den Schulen Ethik zu unterrichten, damit man früh und sehr breit verschiedene ethische Zugänge kennenlernt. So wichtig Religion der einzelnen Person sein mag – die Trennung von Staat und Religion ist wichtiger.

Wieso sind Kopftücher gerade das wichtigste Bildungsthema des Landes?

Naja, mit dem Thema kann man die Leute zur Abgrenzung verführen. Wir leben in einer Zeit, in der so ein Gedankengut, nach rechts abschweifend, immer wieder gerne gehört wird. Ich glaube, man kann damit punkten, weil das Kopftuch ein sichtbares Zeichen für Migration ist. Wobei das auch nicht mehr stimmt, denn ich kenne genügend autochthone Österreicherinnen, die auch ein Kopftuch tragen. Ich denke mir, man vereinfacht hier absichtlich ein Thema, das eigentlich wesentlich komplexer ist. Man kann es sicherlich diskutieren, aber es soll nicht das Einzige bleiben, über das man redet, wenn es um Religion oder Integration geht.

Welche sind Ihrer Meinung nach die relevanten Fragen, wenn es um die Themenmischung Bildung und Integration geht?

Bildung ist für mich sowieso Integrationsfaktor Nummer eins. Das heißt, dort, wo wenig Bildung vorhanden ist, ist auch die Integration erschwert. Das bezieht sich auf beide Gruppen: auf die Menschen, die hier schon leben, und die, die hierherkommen. Ich glaube, dass Bildung auch ein Grundfaktor für Toleranz ist. Wobei das nicht bedeutet, dass jeder gut gebildete Mensch tolerant ist, aber mit einem gewissen Bildungshintergrund sind das Miteinander und die Unterschiedlichkeiten einfacher zu verstehen. Ich glaube, auch dafür ist Bildung extrem wichtig.

Mit welchen Veränderungen, guten wie schlechten, ist die VHS konfrontiert, seitdem wir in Österreich eine türkis-blaue Regierung haben?

Wir haben das Glück, dass wir die Wiener VHS sind, mit Betonung auf Wiener. Das heißt, der Großteil der Förderungen kommt aus Wien und nicht aus dem Bund. Selbstverständlich merkt man in gewissen Bereichen, wie zum Beispiel gerade in Fragen der Integration, dass hier weniger Geld bereitsteht. Das ist sicher ein Einfluss dieser Regierung, aber wir sind froh, dass wir mit einer Stadt zusammenarbeiten, die hier eine zukunftsgerichtete Einstellung mitbringt.

Also eine Regierung, die eigentlich Integration verlangt, aber wenig dafür ausgibt. Wie passt das zusammen?

Während der großen Fluchtbewegung im Jahr 2015 war die Hilfsbereitschaft sehr groß. Obwohl der Zustrom abgenommen hat, lässt es sich mit einer restriktiven Haltung gegenüber Migration politisch punkten. In der Integration durch Bildung läuft es anders: Qualifikation und das Heranführen an den Arbeitsmarkt führen zum Erfolg. Einrichtungen wie das Jugendcollege haben höchste Kompetenz und Qualität bei der Basisqualifikation und der Vermittlung wichtiger Grundfertigkeiten. Ich bezweifle, dass eine geringere Dotierung dieser Maßnahmen billiger kommt, wenn man beispielsweise den späteren Eintritt in die Berufswelt berücksichtigt. Also muss die Motivation dahinter woanders liegen.

Sind Sie zufrieden mit der Arbeit des Bildungsministers Heinz Faßmann?

Faßmann ist ein ausgewiesener Experte mit wissenschaftlichem Background. Weniger als die Begeisterung für Bildung erkenne ich seinen Hang dazu, Wirkungsziele zu definieren, zu evaluieren und messbare Erfolge zu suchen. Das wirkt auf mich teilweise praxisfern. Nicht alles lässt sich detailreich in Benchmarks pressen.

Gibt es konkrete Studien, die belegen, dass die Weiterbildungsangebote die Arbeitslosenzahlen schrumpfen lassen?

Das Bildungsniveau und die Vermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt korrelieren. Ein höherer Abschluss bietet mehr Anknüpfungspunkte an die Berufswelt und für Qualifizierungsmaßnahmen. Das lässt sich von den Zahlen des AMS unbestreitbar ableiten. Die subjektive Seite ist aber nicht messbar und darunter fällt nicht nur das persönliche Auftreten, sondern auch die individuelle Lernbereitschaft. Wer gerne Kurse besucht und sich geistig frisch hält, bringt ungleich bessere Voraussetzungen mit als jemand, der sich weniger flexibel zeigt.

Welchen Beitrag könnten bzw. sollten die Bildungsinstitutionen leisten, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken?

Also ich kann jetzt nur davon reden, was wir hier bei der VHS tun. Die VHS ist ein Ort, an dem man die gesellschaftliche Vielfalt in den Kursen lebt. Wenn man bei uns einen Kurs besucht, trifft man die unterschiedlichsten TeilnehmerInnen. Menschen finden sich hier nicht über die Schicht, die Religion, das Bildungsniveau oder andere Merkmale, sondern über ein gemeinsames Interesse. Das hat den positiven Effekt, dass man andere Leute trifft als die, mit denen man sonst in Kontakt kommt. Damit können wir zeigen, dass ein Zusammenleben unterschiedlicher Menschen möglich ist und dass das auch mitunter sehr befruchtend und wertvoll sein kann.

Welche Rolle spielt das Thema Diversität bei der Beschäftigung in der VHS?

Diversität hat schon immer eine sehr große Rolle bei uns gespielt. Statistiken zeigen zum Beispiel, dass schon 2011 ein Drittel der Angestellten nicht Deutsch als Erstsprache hatte. Bei uns sind außerdem mehr Frauen beschäftigt als Männer, es besuchen deutlich mehr Frauen als Männer die Kurse der VHS und Frauen zeigen auch ein höheres Bildungsinteresse. Bis auf die oberste Führungsposition, also mich (lacht), ist es auch in den Leitungspositionen sehr ausgeglichen zwischen Frauen und Männern. Neu ist, dass bei unseren MitarbeiterInnen und KundInnen ab 1. Jänner 2019 das dritte Geschlecht eingeführt wird.

Fast die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner Wiens hat einen sogenannten Migrationshintergrund. Wie reagiert die VHS auf diese Entwicklung nach innen sowie nach außen?

Uns ist zum einen wichtig, dass wir Angebote für Menschen schaffen, die zu uns nach Österreich kommen. Das ist natürlich sehr stark im Sprach- und Integrationsbereich verortet, mit vielen geförderten Maßnahmen. Auf der anderen Seite ist es ein Ziel, auch ein ganz wesentliches von mir persönlich, dass unsere Kurse, egal ob es ein Malkurs ist oder ein Sprachkurs, auch widerspiegeln, wie unsere Gesellschaft gestaltet ist. Ein bestimmender Faktor ist und bleibt natürlich auch die Leistbarkeit unserer Kurse, da arbeiten wir stets daran, diese sicherzustellen, damit möglichst niemand an der finanziellen Hürde scheitert.

Kann man behaupten, dass die VHS auch personell als Spiegel dieser Gesellschaft gelten darf?

Ja. Unsere Angestellten sprechen 40 verschiedene Sprachen. Das ist schon einmal ein ganz tolles Zeichen. Wir merken auch, dass immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei uns werden.

Was sind Ihrer Meinung nach die wahren Integrationsprobleme oder Herausforderungen, wenn es um das Thema Integration geht?

Die derzeitige Stimmungsmache vergiftet zunehmend das Klima in Österreich. Die Folge sind Zuschreibungen in Bezug auf Fundamentalismus und Kriminalität. Wo bleiben die hunderttausenden Erfolgsgeschichten, die schwerer wiegen? Ich glaube, eines der größten Probleme ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der genau diese Fälle hervorgehoben werden, um so ein negatives Bild von manchen Menschengruppen, die in Österreich leben, zu erzeugen.

Gibt es wahre Herausforderungen?

Es ist sicher eine Herausforderung, wenn Menschen nach Österreich kommen, die eine schlechte Bildung und dann mitunter auch noch einen starken religiösen Zugang haben. Da ist der Weg naturgemäß länger als bei Menschen, die unmittelbar ganz anknüpfen können. Es ist wichtig, diesen Menschen unsere Werthaltungen samt der Bedeutungslosigkeit von Religion im öffentlichen Leben zu vermitteln. Das braucht viel Zeit, Vertrauen und Erfahrung im menschlichen Umgang.

Da bin ich ganz bei Ihnen. Aber wie können wir dieses Problem langfristig lösen?

Durch Reden und Achtung der eigenen Regeln. Hilfe leisten, aber auch Dinge einzufordern, müssen Hand in Hand gehen. Da geht es eben nicht um Verkürzungen wie das Kopftuchverbot, sondern darum, wie wir miteinander leben wollen. Zum Beispiel kann ich mir nicht vorstellen, dass Rechte, die sich Frauen bei uns erarbeitet haben, durch andere Werthaltungen aufgeweicht werden. Da kommen Angriffe freilich auch von autochthoner Seite, aber das ist ein anderes Thema.

Brauchen wir die „Wertekurse“?

Wir lehren zum Beispiel im Jugendcollege, wie man in Österreich zusammenlebt, was uns wichtig ist oder welche Werte und Gepflogenheiten unsere Gesellschaft hat. Das ist schon wichtig. Ich habe nur ein Problem damit, wenn das Wort „Werte“ mitunter in einem sehr schlechten Zusammenhang verwendet wird. Genauso wie das Wort „Mehrheitsgesellschaft“, weil es instrumentalisiert wird.

Wie stellen Sie sich Bildung in 50 Jahren vor?

Wir haben an der VHS eine Digitalisierungsoffensive gestartet und möchten zeigen, dass Bildung und Digitalisierung gemeinsam eine Entwicklung durchmachen. Wir setzen auf sogenannte hybride Bildung. Das heißt, es ist uns noch immer wichtig, dass Menschen zusammenkommen und miteinander lernen, aber mit Unterstützung aus dem Bereich der Digitalisierung. Das beinhaltet zum Beispiel interaktive Unterrichtsmittel. Trotzdem bleibt der persönliche Kontakt auch in Zukunft zentral, denn Menschen brauchen Menschen. Dennoch wird Bildung zugänglicher und die Anwesenheit weniger verbindlich. Neugierde und Spaß am Neuen werden aber völlig unverändert die wichtigste Triebfeder bleiben.

 

Foto Copyright: Igor Ripak 

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